Keramik; Bönicke; Handwerk; Töpferei; Handwerkskunst; Sachsen-Anhalt; Aschersleben
Anne-Kristin Gotot

Das Glück zu wissen, was man will

Keramiker Mario Bönicke steht für traditionelles Handwerk. Er betreibt derzeit die einzige Töpferei in Aschersleben.

Unter der alten Burg in Aschersleben findet man die Töpferei Bönicke. Durch das urige Tor geht es über den idyllischen Innenhof direkt auf die Werkstatt im Erdgeschoss zu. Dem alten Fachwerkhaus haben er und seine Frau in den vergangenen Monaten neues Leben eingehaucht. Bei unserem Gespräch hält er eine große weite Keramiktasse in der Hand – natürlich selbst gefertigt. „Ich mache eher traditionelle Sachen, aber die versuche ich gut zu machen“, sagt er und nimmt einen Schluck.

Seine erste Ausbildung absolvierte der 1968 in Halle Geborene als Elektromechaniker bei der Deutschen Reichsbahn, so erzählt er. Eigentlich eine sichere Bank, aber für ihn einfach nicht erfüllend genug. Nach drei Jahren im Beruf kündigte er. Als die Wende kam, sah Mario Bönicke dies als Chance.

Es zog ihn unter anderem für seinen Zivildienst an den Bauckhof nahe Uelzen, der der Erhaltung, Förderung und Weiterentwicklung der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise verbunden ist. Hier traf er in einer Töpferei auf einen Gesellen, der ihm während der Pausen die Grundlagen des Keramikerhandwerks zeigte. Das Interesse war geweckt. „Wenn man endlich weiß, was man will, dann ist das ein großes Glück“, sagt Mario Bönicke.

Zuerst versuchte er, sich das Wissen über Bücher anzueignen, stieß dabei aber schnell an Grenzen. „Ich wusste, dass ich einen Meister an meiner Seite brauchte, der mir zeigt, was nicht im Lehrbuch steht“, so Bönicke. Für die Suche nach diesem war er bereit, quer durch Deutschland zu reisen. Am Ende fand er ihn in dem kleinen Örtchen Bernitt in Mecklenburg-Vorpommern.

Dort machte er bei Rainer Finck zuerst ein Praktikum und dann die Ausbildung. Die Chemie zwischen ihnen stimmte. „Ich habe noch einmal die Schulbank gedrückt und war dabei mit Abstand der Älteste in der Klasse.“ Meister und Schüler erwiesen sich in den nächsten Jahren als ein gutes Gespann. „Man übernimmt automatisch die Arbeitsweise und Formsprache des Meisters“, so Bönicke. Nach der Ausbildung war es für ihn wichtig, seinen eigenen Stil zu finden und somit Abschied von seinem Lehrmeister zu nehmen.

Seine erste eigene Werkstatt eröffnete er in der Nähe von Salzwedel – später zog es ihn dann aufgrund der Kundennähe direkt in die Stadt. Über zehn Jahre lang war dies sein Lebensmittelpunkt. Dabei reichte der Kundenstamm von der Enkelin bis zum stellvertretenden Bürgermeister, sein Produktportfolio vom Eierbecher über Gebrauchsgeschirr bis hin zu Säulen und Lampen.

"Typisch Bönicke“ sind auch seine Glasuren, meist in Grün-, Blau- und Erdtönen, an denen er lange feilte. „Man muss diszipliniert genug sein, in die Werkstatt zu gehen, und diszipliniert genug, wieder herauszugehen“, sagt er im Hinblick darauf, wie stark einen dieses Handwerk in den Bann zieht.

 „Wenn man mich fragt, wie lange ich
für ein Produkt brauche,
sage ich 25 Jahre“

Mario Bönicke

Mario Bönicke in seiner Töpferei in Aschersleben.
Anne-Kristin Gotot
Mario Bönicke in seiner Töpferei in Aschersleben.


Ende 2020 eröffnete er dann seine Töpferei in Aschersleben.
Alles in einer Zeit, in der Corona ihm und seinem Handwerk das Leben schwer machte. Sein zweites Standbein, Workshops für Kinder und Erwachsene, brach dabei völlig weg. Über den Gemeinschaftsladen in Salzwedel und einen Bioladen in Aschersleben vertreibt er weiterhin seine Produkte. Seine Kunden bleiben ihm auch aus der Ferne treu. Doch schwer ist es trotzdem. Ein stiller Herzinfarkt im letzten Jahr warf ihn aus der Bahn, ließ ihn viel grübeln. Doch er kann einfach nicht anders – die Töpferscheibe dreht sich weiter.

Zurück in der Werkstatt, wird es plötzlich laut. Mario Bönicke wirft den Ton mehrmals mit Schwung auf den Tisch und sorgt somit dafür, dass sich die Tonschichten optimal miteinander verbinden. Dann wird es abrupt still, man hört nur leise Wasser plätschern, das Drehen der Töpferscheibe und die Berührung der Hände auf dem feuchten Ton. Aus dem Klumpen formt er eine Vase. „Wenn man mich fragt, wie lange ich für ein Produkt brauche, sage ich 25 Jahre“, sagt er schmunzelnd. Und man bekommt das Gefühl, wenn er jetzt noch einen Meister sucht, dann sucht er ihn in sich selbst.



Von Anne-Christin Gotot